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Abschied von der
»Großen« wird schwer

Junge Estin beendet ihr Austauschjahr bei der Neuhäuser Familie Rojahn

Von Daniela Lang
Schloß Neuhaus. Es war ein turbulentes Jahr für Triin: neues Land, neue Familie, neue Schule, neue Freunde. Die 19-jährige Estin lebt seit August 2011 bei Familie Rojahn in Schloß Neuhaus. Bevor sie Ende Juni wieder in ihre Heimat zurückkehrt, steht noch ein wichtiges Projekt auf dem Plan: einmal typisch estnisch zu kochen.

Bei den Rojahns ist immer was los: Töchterchen Esther (3), der kleine Armin (1) und Nesthäkchen Ruth - gerade einmal vier Wochen jung - halten Simone (32) und Siegfried Rojahn (45) ordentlich auf Trab. Doch das Lehrerehepaar managt die Bedürfnisse seiner Kinder perfekt und findet immer noch genügend Muße, um über den eigenen Tellerrand zu schauen: »Wir fanden die Idee sehr spannend, einem Menschen aus einem anderen Land die Chance zu geben, ein Jahr bei uns zu leben«, erinnert sich Siegfried Rojahn an die Zeit, als er und seine Frau zum ersten Mal in Kontakt mit dem Verein Youth for Understanding traten, der weltweit den Austausch junger Frauen und Männer in Gastfamilien organisiert und betreut. Und ehe sie sich versahen, wurden die Rojahns bereits im August 2011 »Eltern« einer 19-jährigen Tochter.
Triin Roomet brauchte ein Weilchen, um sich einzugewöhnen. »Ich lebe in Estland als Einzelkind allein mit meiner Mutter. Plötzlich eine Familie und Geschwister zu haben, war etwas ganz anderes«, berichtet die junge Frau, die in der elften Klasse am Gymnasium in Schloß Neuhaus die Schulbank drückt.
Und auch dort ist vieles so ganz anders, als Triin es aus ihrer Heimat gewohnt war. So gibt es in Estland keine mündlichen Schulnoten. Und auch das Miteinander der Schüler unterscheidet sich. Triin: »In Deutschland haben die Schüler schnell viele Freunde. Bei uns dauert es dagegen viel länger, bis wir einen Menschen Freund nennen.«
Echte Freunde hat Triin hier unter Menschen gefunden, die ihre Liebe zum Tanzen teilen. Mit der Turnshowgruppe »Spumante« vom TSV Schloß Neuhaus wurde die junge Estin in diesem Jahr sogar Westfalen-Meisterin.
Etwas Heimweh hatte Triin ganz am Anfang auch. Wöchentliche Telefonate via Skype halfen über den ersten Trennungsschmerz hinweg. Und zu Ostern waren ihre Mutter und ihre Tante bei den Rojahns eingeladen.
Familienleben pur - das ist am Ende des Austauschjahres die wichtigste Erfahrung, die Triin mit nach Hause nimmt. Immerhin hat sie die gesamte Schwangerschaft ihrer Gastmutter bis zur Geburt der kleinen Ruth miterleben dürfen. Sie war zu Gast bei einer deutschen Hochzeit und hat nun auch ein Gefühl dafür, wie Deutsche ihre Feste feiern. Und zwar nicht nur Weihnachten und Ostern: Besonders angetan war Triin vom Neuhäuser Schützenfest: »Lustig, wie die Schützen ihren Jubel laut hinausrufen«, zeigt sich die Schülerin von dem Traditionsfest noch ganz beeindruckt.
Die Zukunft wird für die 19-Jährige turbulent. In Estland wird sie erst einmal die Schule beenden und danach für ein Jahr als Au-Pair nach Australien gehen. Anschließend möchte sie International Business studieren.
Auch bei den Rojahns tun sich im wahrsten Wortsinn wieder neue Welten auf. Ende August zieht ein junges Mädchen aus Serbien bei der Familie ein und wird erneut die Chance bekommen, in Ostwestfalen-Lippe für ein Jahr Familienluft zu schnuppern.
Allerdings, das betonen Siegfried und Simone Rojahn, werde sie ein »schweres Erbe« antreten: »Triin ist uns und unseren Kindern sehr ans Herz gewachsen. Wir haben sie als verantwortungsvoll und hilfsbereit erlebt und konnten uns jederzeit auf sie verlassen«, lobt der Gastvater seine »Große« und fügt schmunzelnd hinzu: »Wenn mein Sohn eines Tages so eine Schwiegertochter mit nach Hause bringt, dann wäre ich sehr zufrieden.«

Artikel vom 17.06.2012